„Sie hat einfach weitergemalt!“

  Bei Eröffnung der Ausstellung von Trude Schüle zu ihrem 85. Geburtstag wurde die Künstlerin gefeiert und für ihr Lebenswerk geehrt

 

Schon vor Beginn der Vernissage wird deutlich, welch hohe Anerkennung Trude Schüle und ihr Werk haben: Die Gäste reihen sich in die lange Schlange vor der städtischen Kunstsammlung ein. Die Malerin lässt es sich nicht nehmen, jeden an der Tür persönlich zu begrüßen, und so schallt ihr Lachen immer wieder durch den Raum, während sich der Saal füllt.

Erhielt die Bürgermedaille aus den Händen von Bürgermeister Armin Mößner: Trude Schüle. Fotos: J. Fiedler

Erhielt die Bürgermedaille aus den Händen von Bürgermeister Armin Mößner: Trude Schüle. Fotos: J. Fiedler


Von Christine Schick


MURRHARDT. Es ist nicht übertrieben, als Bürgermeister Armin Mößner feststellt, dass der Heinrich-von-Zügel-Saal aus allen Nähten platzt und auch keine Möglichkeit mehr zum Umfallen gegeben sei. Viele Besucher müssen stehen. Bevor Trude Schüle in der ersten Reihe Platz nimmt, dreht sie sich um und bedankt sich mit strahlenden Augen bei ihren Gästen. Dann ist für die Murrhardter Künstlerin Zeit, die Ausstellungseröffnung und Ehrung ihres Lebenswerks – sie erhält die Bürgermedaille der Stadt Murrhardt – zu genießen.

Armin Mößner umreißt zuerst ihr künstlerisches Schaffen: Das Arbeiten unter freiem Himmel (wie die großen Impressionisten), das Einfangen von Licht und Farben, und wie sie aus einem Augenblick ein Kunstwerk entstehen lässt. Neben der Vielseitigkeit der Ausdrucksmittel, die vom Aquarell, über Tusche/Sepia und Zeichnung bis hin zur Kalligrafie reicht, zeigt auch die Wahl ihrer Motive eine breite Entdeckungslust: Ein orientalischer Vogelkäfig wird genauso festgehalten wie eine Sägemühle, ein Stillleben oder der menschliche Körper als Akt. Eine Szene mit nur wenigen Pinselstrichen einzufangen heißt, die Kunst des Weglassens zu beherrschen, so Mößner. Gleichzeitig habe Trude Schüle die Stadt und ihren Wandel begleitet – ihre Bilder und Zeichnungen sind von akribischer Genauigkeit, sodass sie einen hohen dokumentarischen Wert besitzen. Später ergänzt Murrhardts Bürgermeister, dass die Verleihung der Bürgermedaille der Stadt ein logischer, praktisch überfälliger Schritt sei. Trude Schüle, 1929 geboren, wächst in einem noch mehr als heute überschaubaren Murrhardt auf, entdeckt ihre Malerlust schon im Grundschulalter, immer unterstützt von ihrem Vater und Lehrmeister, dem Architekten Albert Schüle, und entschließt sich 1973 dazu, ihr Leben ganz in den Dienst der Kunst zu stellen. Es beginnt die Zeit des reisenden Malens und der Welteroberung, es folgen zahlreiche Ausstellungen und schließlich die Gründung der Trude-Schüle-Stiftung sowie Nachwuchsförderung an den Schulen, fasst Mößner zusammen, der ihr für diese kulturelle Leistung im Namen der Stadt seinen Dank ausspricht und in diesem Sinne die Bürgermedaille überreicht.

Detlef Neumann zeichnet in seiner launigen Rede als kulturliebender und -schaffender Wegbegleiter ein sehr persönliches Bild der Künstlerin – aufgelockert und im Dialog mit Mirijam Wallau, die mit Musikstücken am Marimbafon und an der Trommel der Vernissage eine kunstvolle und lebendige Note verleiht. Bereits vor fünf Jahren kam Neumann bei der Eröffnung der vergangenen Sonderausstellung die Aufgabe einer Einführung zu. „Damals sagte Trude Schüle, das wird wohl meine letzte große Ausstellung sein. Und was hat sie gemacht? Sie hat einfach weitergemalt!“. Wieder mehr gezeichnet habe sie in letzter Zeit. Neumann schließt einen Abriss mit philosophischen Einsprengseln und Zitaten übers Jung-Sein und Alt-Werden an. Mit den körperlichen Beschwernissen des Alters müsse auch Trude Schüle zurechtkommen, künstlerisch habe sie es sich aber deshalb nicht leichter gemacht, so beispielsweise mit der Eroberung der Aktmalerei.

Was das Staunen und die Empfänglichkeit fürs Schöne, Gute und Große anbelangt, sei Schüle jung geblieben. Man trifft sie bei kulturellen Veranstaltungen und beim Malen – und da „zählt der Schwung und nicht das Alter“. Sie hat sich auf die Aquarellmalerei spezialisiert, die eigentlich schwierigste künstlerische Maltechnik: Während ein Ölgemälde oder Acrylbild korrigiert werden kann, muss beim Aquarell jeder Pinselstrich von Anfang an sitzen. Neumann endet mit der Anmerkung, dass sich die Gäste am besten selbst von den Werken der Künstlerin ein Bild machen sollten.

Die Sonderschau zeigt sehr viele, aktuelle Bilder von Murrhardt, einige aus benachbarten Kommunen, aber auch von besagten Weltreisen. So ist beispielsweise neben dem Murrhardter Marktplatz, der Hauptstraße oder der Sonne-Post das Staatstheater Stuttgart in Sepiatusche zu sehen, aber auch Aquarelle von Rock of Castel in Irland oder die Zitadelle Kairo in unglaublich intensiven Farben. Nicht zu vergessen: Aktbilder von zarter Poesie.

 

Quelle: Murrhardter Zeitung vom 13.10.2014